Begegnungen, die Vorurteile überwinden
Schülerinnen und Schüler der Realschule Eberbach erkundeten Siebenbürgen und beschäftigten sich mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und der Roma
Fast 24 Stunden liegen hinter den zehn Schülerinnen und Schülern der Realschule Eberbach, als sie ihr Ziel in Siebenbürgen erreichen. Die Reise führte mit dem Zug von Eberbach über Wien, von dort ging es im Nachtzug weiter nach Mediasch in Rumänien. Als sie schließlich in Pretai (rumänisch: Brateiu) ankommen, sind sie müde von der langen Fahrt. Eindrücklich wird ihnen bewusst, wie weit sie sich nicht nur räumlich, sondern auch in vielerlei anderer Hinsicht von ihrem vertrauten Alltag entfernt haben. Der erste Blick auf die mächtige Kirchenburg beeindruckt die Gruppe dennoch. Unmittelbar daneben liegt das ehemalige Pfarrhaus, das für die kommenden Tage ihr Quartier und Ausgangspunkt einer Reise durch die Geschichte und Gegenwart Siebenbürgens sein wird.
Vom 22. bis 28. Juli 2026 waren zehn Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 und 9 gemeinsam mit ihrer Lehrerin Laura Diehm und ihrem Lehrer Kimmo Stohner in Rumänien unterwegs. Die Exkursion sollte ihnen eine Region Europas näherbringen, mit der sie bislang kaum Berührungspunkte hatten. Inhaltlich standen zwei Themen im Mittelpunkt: die jahrhundertealte Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen sowie die Geschichte und Gegenwart der Roma.
Auf die Reise hatten sich die Schülerinnen und Schüler bereits vor der Abfahrt vorbereitet. Im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim erhielten sie eine Einführung in Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen. Im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg nahmen sie an einem Workshop teil. Dort beschäftigten sie sich mit der Verfolgung von Sinti und Roma, dem Holocaust sowie gegenwärtigen Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung.
Auf den Spuren der Siebenbürger Sachsen
Besonders die Kirchenburgen und mittelalterlich geprägten Städte machten die Geschichte der Siebenbürger Sachsen vor Ort sichtbar. Bei ihren Besuchen in Mediasch und Schäßburg beschäftigten sich die Jugendlichen mit den Spuren, die die deutschsprachige Minderheit über Jahrhunderte in der Region hinterlassen hat. Dazu gehörten auch die früheren Zünfte, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Städte prägten.
Zugleich lernte die Gruppe die religiöse Vielfalt Siebenbürgens kennen. In evangelischen Kirchen und Kirchenburgen, in orthodoxen Kirchen sowie bei einer Führung durch die Synagoge von Mediasch erfuhren die Jugendlichen, wie unterschiedliche Glaubensgemeinschaften die Geschichte der Region mitgestaltet haben.
In Gesprächen mit Siebenbürger Sachsen ging es jedoch nicht allein um historische Bauwerke und die Vergangenheit. Die Gesprächspartner berichteten auch von ihren Familiengeschichten, von Auswanderung und von der Frage, wie eine Kultur fortbestehen kann, wenn viele ihrer Träger die Region verlassen haben.
Wie eng politische Geschichte und persönliche Lebenswege miteinander verbunden sind, erfuhren die Jugendlichen im Gespräch mit einem Zeitzeugen. Er berichtete vom Leben unter dem Ceaușescu-Regime und von seiner Ausreise aus Rumänien. Mehrere Versuche, seinen Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland zu ermöglichen, seien zunächst gescheitert. Erst beim dritten Anlauf habe er das Land verlassen können. Für die Schülerinnen und Schüler wurde dabei greifbar, was politische Unterdrückung, der Abschied von der Heimat und der Beginn eines neuen Lebens in der Bundesrepublik für einen einzelnen Menschen und seine Familie bedeuteten.
Begegnungen mit Roma
Der zweite Schwerpunkt der Exkursion lag auf der Geschichte und Gegenwart der Roma. Dabei ging es vor allem darum, Vorurteile durch persönliche Begegnungen abzubauen und mehr über Diskriminierungserfahrungen, Familiengeschichten und kulturelle Traditionen zu erfahren.
Bei einem Besuch war die Gruppe zu Gast bei einer Roma-Familie. Im persönlichen Gespräch erfuhren die Jugendlichen mehr über deren Geschichte und Kultur, über familiäre Erinnerungen an den Holocaust und über Benachteiligungen, die bis in die Gegenwart reichen. Dabei konnten die Schülerinnen und Schüler zahlreiche eigene Fragen stellen.
Besonders eindrücklich wurde dieser Teil der Reise beim Besuch eines Kinder- und Jugendprojekts, in dem Roma-Kinder nach der Schule betreut werden. Die Eberbacher Gruppe hatte ein gemeinsames Bastelangebot vorbereitet und Schul- sowie Schreibmaterialien mitgebracht. Gemeinsam wurde gebastelt sowie rumänische und deutsche Lieder gesungen. Obwohl die Kinder und Jugendlichen keine gemeinsame Sprache sprachen, entstand durch das gemeinsame Tun schnell eine Verbindung.
Eine Schülerin bezeichnete die Begegnung mit den Roma-Kindern als das eindrücklichste Erlebnis der Reise.
Während des Besuchs erfuhren die Jugendlichen auch, dass die Eltern mehrerer Kinder zeitweise als Erntehelferinnen und Erntehelfer in Deutschland arbeiten. Für die zurückbleibenden Kinder bedeutet dies oft eine lange Trennung von ihren Eltern. Die Begegnung machte damit auch sichtbar, wie eng die Lebenswirklichkeiten in Deutschland und Rumänien miteinander verbunden sind.
Auch die sozialen Gegensätze innerhalb Rumäniens beschäftigten die Jugendlichen. Ein Schüler hob hervor, wie besonders es für ihn gewesen sei, ein Land kennenzulernen, in das er vermutlich sonst nicht gereist wäre. Zugleich hätten ihn die starken Unterschiede erschüttert: Neben einem Wohlstand, der dem Leben in Deutschland vergleichbar sei, habe er Menschen erlebt, die unter großer Armut leiden.
Nach fast einer Woche in Siebenbürgen trat die Gruppe die lange Rückreise nach Eberbach an. Die Jugendlichen nahmen dabei weit mehr mit als Eindrücke von Kirchenburgen, mittelalterlichen Städten und einer ihnen zuvor wenig bekannten Region Europas. Vor allem die persönlichen Gespräche und Begegnungen hatten Geschichte und gesellschaftliche Fragestellungen greifbar werden lassen.
Die Reise zeigte ihnen, wie unterschiedlich Lebensbedingungen innerhalb Europas sein können und wie schnell trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede Nähe entstehen kann.






